Die Bürgerinnen und Bürger haben erkannt, dass es wirklich auf sie ankommt

Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern. Das QuartiersNETZ in Gelsenkirchen stellt sich den Herausforderungen und sucht mit den Menschen vor Ort kreative Lösungen. Im Interview spricht Projektleiterin Prof. Dr. Sabine Sachweh vom Fachbereich Informatik der FH Dortmund über das Modellprojekt.

Albach: Was ist das Ziel des QuartiersNETZes?

Sachweh: Unser Ziel ist es, durch den Aufbau nachhaltiger, realer und digitaler Strukturen älteren Menschen länger ein selbstbestimmtes und autarkes Leben zu ermöglichen.

Albach: Was unterscheidet das Projekt von anderen?

Sachweh: Eine Besonderheit ist sicher der Koproduzenten-Ansatz: Wir arbeiten direkt mit den Menschen vor Ort, also älteren Bürgerinnen und Bürgern, Dienstleistern und anderen relevanten Akteuren. In der Vergangenheit wurden Projekte häufig mit viel Energie und Geld am Bedarf der Betroffenen vorbei entwickelt.

Albach: Warum wird das QuartiersNETZ in Gelsenkirchen umgesetzt und wie haben Sie die vier Quartiere ausgewählt?

Sachweh: In Gelsenkirchen konnten wir an ein Vorprojekt anknüpfen, bei dem das Generationennetz sich bereits mit dem Thema Quartiersentwicklung beschäftigt hat. Bei der Auswahl der Quartiere war besonders wichtig, dass sie als aktiver Partner auftreten. Ein weiterer Aspekt war, dass sie unterschiedlich strukturiert sind, zum Beispiel in Bezug auf die Anzahl alleinlebender Älterer, Menschen mit Migrationshistorie oder wirtschaftlich weniger gut Gestellter. Dies sollte gewährleisten, dass wir einen möglichst breiten Querschnitt durch die Bevölkerung erhalten und somit auch der Transfer auf andere Quartiere bzw. Regionen vereinfacht wird.

Albach: Was sind die wichtigsten Bedürfnisse der Menschen vor Ort?

Sachweh: In allen Quartieren sind Sicherheit und eine gute Versorgungsstruktur wichtige Themen. Zentral ist auch die Frage, wie das soziale Umfeld aufrechterhalten werden kann, wenn man nicht mehr so mobil ist. Gerade da versuchen wir, mit technischen Lösungen anzusetzen. Aber natürlich gibt es auch sehr heterogene Anliegen, die sich je nach Quartier unterscheiden können.

Albach: Wie stoßen Sie Veränderungen an?

Sachweh: Entscheidend ist, ein Netzwerk vor Ort aufzubauen und zu nutzen und dafür nachhaltige Strukturen zu schaffen, sowohl real als auch digital. Für jedes Quartier gibt es eine Digitale Quartiersplattform, die die soziale Vernetzung unterstützt: Wenn jemand zum Beispiel eine Sitzbank im Quartier aufstellen will, bietet er in einer Art Börse seine Muskelkraft an und ein anderer meldet sich, der das Material zur Verfügung stellt. Oder ein Dienstleister kann sich als Quartiershausmeister präsentieren, der auch mal eine Glühbirne wechselt. Allerdings ist die Technik für einige ältere Menschen ein Problem: Also haben wir mit allen Beteiligten Schulungen für sogenannte Technikbotschafter erarbeitet, die wiederum andere fit machen. Außerdem wird in jedem Quartier ein Techniktreff eingerichtet, in dem diverse technische Geräte ausprobiert werden können, der aber auch zum Treffpunkt zum Beispiel für die Planung eines Stadtfestes werden kann.

Albach: Welche Herausforderungen sind Ihnen begegnet?

Sachweh: Anfangs haben wir in Konferenzen versucht, die Anforderungen der Menschen vor Ort zu bündeln und zu überlegen, welche technischen Lösungen es geben könnte. Da es aber um eine freiwillige Sache geht, sind zu den Treffen immer wieder andere Menschen mit unterschiedlichen Hintergründengekommen. Wir mussten jedes Mal wieder von vorn angefangen. Also haben wir für die diversen Themenfelder Arbeitsgruppen geschaffen, für Interessierte, die sich kontinuierlich engagieren wollen und sich nun einmal monatlich treffen. Diese Arbeitsgruppen sind jederzeit für neue engagierte Teilnehmer offen und freuen sich über jeden Zuwachs, allerdings ist die Mitarbeit hier ein wenig verbindlicher. In der Zusammensetzung haben wir darauf geachtet, der Heterogenität der Quartiere Rechnung zu tragen und nicht nur zum Beispiel die anzusprechen, die sowieso technikaffin sind. Mit Unterstützung der Caritas konnten wir außerdem Bürgerinnen und Bürger, die nicht mehr mobil sind, Zuhause nach ihren Bedürfnissen fragen.

Albach: Insgesamt klingt das Projekt mehr nach Sozialwissenschaften – wie kommen Sie als Informatiker ins Spiel?

Sachweh: Es geht gerade darum, Sozialwissenschaften mit Technik zu verbinden. Technologie führt auch immer zu gesellschaftlichen Transformationen, kann diese beeinflussen und befördern. Umgekehrt kann Technik Einzelschicksale verbessern – wenn man sie kennt. Als Informatiker erstellen wir zu Beginn eines Projekts normalerweise eine Anforderungsanalyse, für die wir mit einigen wenigen sprechen; die Sozialwissenschaftler hingegen achten darauf, die Heterogenität abzubilden. Genau an dieser Schnittstelle setzen wir an. Aber dafür mussten wir natürlich erst einmal eine gemeinsame Sprache finden und eine neue Methodik entwickeln. Unsere Perspektiven sind sehr verschieden: Während wir Informatiker eher zielorientiert arbeiten, liegt der Fokus der Sozialwissenschaftler auf der Beobachtung und Analyse. Es ist hochspannend, beides zusammen zu bringen.

Albach: Das Ruhrgebiet ist anderen deutschen Großstadträumen in seiner demografischen Entwicklung um Jahre voraus. Soll das QuartiersNETZ ein Modellprojekt werden?

Sachweh: Ja, deswegen haben wir von Anfang an darauf geachtet, auch mit den anderen Kommunen ein Netzwerk aufzubauen und uns auszutauschen. Sicherlich ist das jetzige Konzept nicht eins zu eins übertragbar, sondern muss auf die Situation vor Ort angepasst werden. Aber arbeiten an einer Reihe von Ergebnissen, auf die andere Städte später zurückgreifen können: Beispielsweise die Open Source Plattform zur Vernetzung, diverse Handbücher und eine Lernplattform für die Schulung der Technikbotschafter. Für den Anpassungsprozess stehen außerdem die Beteiligten aus unserem Konsortium als Berater zur Verfügung. Denkbar ist auch, dass man nur einzelne Bausteine umsetzt.

Albach: Glauben Sie, dass das QuartiersNETZ in Gelsenkirchen fortgesetzt wird, auch wenn Sie nicht mehr da sind?

Sachweh: Vielleicht nicht in allen Aspekten, aber vieles von dem, was wir angestoßen haben, wird sicher fortgesetzt. Technikbotschafter und Redaktionsteams wird es weiterhin geben, ebenso wie die Techniktreffs. Wesentlich ist darüber hinaus aber, dass ich denke, wir konnten etwas an der Grundhaltung verändern: Die Bürgerinnen und Bürger haben erkannt, dass die Zukunft ihres Quartiers nicht von Experten in Elfenbeintürmen gestaltet wird, sondern dass sie mitwirken können und es wirklich auf sie ankommt.